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Ihr Chef ist cholerisch? Schicken Sie ihn mal in eine Behindertenwerkstatt!

Sie haben einen Kotzbrocken als Chef? Sie erleben Mobbing in Ihrer Abteilung, die ersten Kollegen sind wegen Burnout-Syndroms ausgefallen? So scheint es in vielen Unternehmen heutzutage zu zugehen. Der Leistungsdruck steigt allerorten, die Menschen empfinden Arbeit als Last, stöhnen jeden Montagmorgen und für die jüngeren ist „TGIF“ ein feststehender Begriff: Thank god it’s friday. Muss das so sein? Ich glaube nicht. Und ich glaube sogar: Werkstätten für Menschen mit Behinderung können ein Vorbild für die Unternehmen des ersten Arbeitsmarktes sein.

Das Thema „Wahrnehmung“ ist in vielen Werkstätten für Menschen mit Behinderung ein besonderes – in mehrfacher Hinsicht. Das ist zum einen die Art von Wahrnehmung, die man in der Physik kennt, so wie bei einer Sternbeobachtung. Diese Art etwas mit den Sinnen zu erfassen ist bei den Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt Menschen, die ein Talent für das Hören haben, andere – vielleicht Fotografen – haben einen besonderen Blick für ansprechend Motive. Manche Menschen nehmen Farben anders war, können zum Beispiel Grün und Rot schlechter unterscheiden als andere.

Mit Menschen, die ihre Dinge anders wahrnehmen, hat man es sehr häufig in Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) zu tun. Die Menschen dort haben es meist schwerer, etwas neues zu lernen, gleichzeitig haben sie bisweilen aber auch körperliche Behinderungen.  Deshalb wird viel Zeit darauf verwendet, einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden. Wenn jemand nicht so gut sehen kann, wird er oder sie an einem Arbeitsplatz eingesetzt, wo sich vieles mit dem Ertasten leisten lässt. Wenn jemand keinen starken Tastsinn hat, wird man ihn eher nicht mit scharfen Werkzeugen arbeiten lassen.

Häufig geht es dabei nicht um das Sehen und Tasten, sondern um ganz andere Aspekte. Beispielsweise habe ich einen Menschen in einer WfbM kennengelernt, dem es wichtig ist, dass die Dinge makellos sind. Er arbeitet in einer Schreinerei und ist nicht dazu zu bewegen, ein unfertiges Stück Holz zu bearbeiten, um daraus etwas Neues zu machen, er mag nicht sägen und nicht feilen. Aber dafür übernimmt er eine andere, wichtige Aufgabe: Er prüft, ob alle ihm vorgelegten Produkte wirklich fehlerfrei sind. Mit Geduld und Akribie nimmt er jedes Frühstücksbrettchen oder anderes in die Hand, fühlt und schaut nach den kleinsten Macken. Und ist ein Produkt nicht wirklich in Ordnung, hat es nur den kleinsten Fehler – so wird es von ihm unweigerlich und absolut verlässlich aussortiert.

Die andere Art von „Wahrnehmung“ erleben wir in Behindertenwerkstätten ebenso häufig: Die Wahrnehmung des Gegenübers, seines Seins und seiner Stimmungen. Menschen mit geistigen Behinderungen wird eine besondere Sensibilität nachgesagt, eine starke Fähigkeit zur Empathie. Das zeigt sich manchmal in spontanen Umarmungen. Ein anders Mal beobachtet man Menschen, die zunehmend unruhig oder gar aggressiv werden, und gerade wenn es Menschen sind, die nicht sprechen, ist die Ursache bisweilen schwierig zu erkunden. Nicht selten ist sie dann darin zu finden, dass eine Kollegin am Arbeitsplatz nebenan oder auch der Teamleiter oder eine Freundin einen „schlechten Tag“ haben, vielleicht ohne dass es ihnen bewusst oder es gar Absicht ist, ein wenig kühler oder gereizter als sonst reagieren. Für solche Stimmungen sind viele Menschen mit geistigen Behinderungen leistungsstarke Seismographen.

Diese Art von menschlicher Wahrnehmung ist auch bei den betreuenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in WfbM gefordert. Sie haben viel Übung darin, wechselnde Stimmungen im Team frühzeitig festzustellen. Auch bei Menschen, die nicht sprechen können, finden sie heraus, wenn sie an einem Tag mal eine andere Tätigkeit ausüben, an einem anderen Arbeitsplatz aktiv werden wollen. Oder wenn sie an diesem Tag nicht so belastbar ist wie an anderen.

Das erfordert eine ausgeprägte Sensibilität, aber auch den expliziten Willen, sich um das Wohlbefinden der Menschen zu kümmern. Und zwar auch dann, wenn gleichzeitig der äußerliche Druck steigt, wenn Produkte termingerecht fertiggestellt werden müssen. Lauter oder gar cholerisch zu werden, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht schnell genug arbeiten – das bringt rein gar nichts. Im Gegenteil: Diese „bad vibrations“ werden umgehend gespiegelt, und schon läuft gar nichts mehr im Team. Also ergibt sich die einfache Weisheit: Je besser die Stimmung im Team, desto produktiver ist es.

Also herrschen in Behindertenwerkstätten stets Harmonie und Glückseligkeit? Keineswegs, auch hier wird gestritten, hier geht es schon mal laut zu. Aber die Würde, die Fähigkeiten und die Stimmungen von Menschen werden hier in aller Regel um ein Vielfaches mehr geachtet, als in anderen Betrieben.

Sie sind skeptisch? Dann geben Sie bei Google mal „Behindertenwerkstatt“ oder „WfbM“ ein. Google wird ihn einen ganze Liste von Werkstätten in Ihrer Nähe vorlegen. Rufen Sie an, fragen Sie nach dem nächsten Termin für einen „Tag der Offenen Tür“ oder – wenn Sie vielleicht mit einer Gruppe kommen möchten – fragen Sie, ob eine Führung möglich ist. Ich bin sicher, dass man Ihnen sehr freundlich begegnen wird. Und dass Sie sich in der Atmosphäre der Werkstatt sehr wohlfühlen werden.

 

 

 

Veröffentlicht von

Michael Ziegert

Michael Ziegert

Ich bin der Gründer von entia. Ich kann mich an Dingen erfreuen, die gut aussehen, gut riechen, sich gut anfühlen - und deren Wert man spürt. Und bei denen ich weiß, mit welcher Sorgfalt und Intensität sie angefertigt wurden. Sie finden mich auch auf Google+

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