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Gute Frage: Was ist das eigentlich die „Norm“ beim Thema Behinderung?

Der Autor „quergedachtes“ hat im Blog realitaetsfilter.wordpress.com einen sehr lesenswerten Beitrag zu der Frage verfasst, ob ein Autist eigentlich behindert ist. In einer klaren Analyse betrachtet er die verschiedenen Formen von Behinderung und versucht sie auf das Thema „Autismus“ anzuwenden. Das ist sehr spannend, weil sich viele Menschen nicht als behindert sehen wollen, oder – selbst behindert – dann doch wieder von verschiedenen Formen der Behinderung abgrenzen möchten  – etwa von Geistiger Behinderung. „Querdenkender“ tappt erfreulicherweise nicht in diese Falle. Und es ist ihm hoch anzurechnen, dass er die selbstgestellte Frage nicht abschließend beantwortet.

Aber die Frage nach der „Norm“ würde ich hier gerne noch aufgreifen.

Normalverteilung (Quelle: Wikipedia)
Normalverteilung (Quelle: Wikipedia)

Letztlich nämlich ist alles eine Frage der Norm. Hier haben viele gleich die Vorstellung, eine Norm sei digital. Also man erfülle die Norm oder nicht, es ist schwarz oder weiß, ja oder nein. Das ist aber deutlich zu kurz gegriffen, denn in der Regel entspricht die Norm wohl eher einer Normalverteilung(!), auch Gauß-Verteilung genannt: Es gibt viele in der Mitte und zum Rand hin wird es weniger. Das Wort „Normalverteilung“ beinhaltet keineswegs zufällig das Wort „Norm“ und zeigt, dass es hier nicht um ein Null-/Eins-Problem geht.

 

Die Aussage „Ich bin behindert“ kann man also schwerlich mathematisch begründen. Sie suggeriert eine Eindeutigkeit, die es nicht gibt. Sie ist genauso hinderlich wie die Gutmenschen-Aussage „Sind wir nicht alle behindert?“. Den Satz  „Ich entspreche in vielen Dingen nicht der Norm.“ hört man selten, aber wohl kaum jemand hätte ein Problem damit ihn auszusprechen. Denn man möchte damit klarstellen, dass man kein durchschnittlicher Mensch ist. Also: Eine winzige Veränderung des Blickwinkels, und schon wird aus der „Norm“ als positiver Maßstab eine negative gleichmachende Charakterisierung.

Worauf ich hinaus will: Wozu benötigen wir den Begriff „Behinderung“? Vielleicht brauchen Behörden diese Klassifizierung, vielleicht auch bisweilen Mediziner.  Vielleicht. Aber wo sonst bringt uns der Begriff „‚Behinderung“ wirklich weiter? Der Begriff „Vielfalt“ ist ein positiver Begriff – warum wenden wir ihn nicht auch auf Menschen in all ihren unterschiedlichen Eigenschaften an?

Wenn jemand „normal“ ist, ist er ein Langweiler. Wenn er einen „Tick“ hat, macht ihn das vielleicht schon interessant. Wenn jemand „ungewöhnlich“ reagiert, dann sind wir schon irritiert (was gut ist). Wenn er eine „Geistige Behinderung“ hat, dann fällt er völlig aus der Norm und muss man ihn nicht mehr ernstnehmen? Betrachten wir offen die Vielfalt im Denken, so werden wir feststellen, dass Menschen mit von der Norm abweichenden Eigenschaften und Verhalten alle durchaus bereichern können, indem sie uns neue Blickwinkel liefern.

Wenn wir den oft empfundenen und erlebten Zwang zur Kategorisierung ablegen und mit Freude die Abweichungen betrachten und als Bereicherung in unser Leben integrieren, dann benötigen wir das Wort „Behinderung“ nicht mehr. Und auch Autisten werden sich diese Frage dann nicht mehr stellen müssen.

Veröffentlicht von

Michael Ziegert

Michael Ziegert

Ich bin der Gründer von entia. Ich kann mich an Dingen erfreuen, die gut aussehen, gut riechen, sich gut anfühlen - und deren Wert man spürt. Und bei denen ich weiß, mit welcher Sorgfalt und Intensität sie angefertigt wurden. Sie finden mich auch auf Google+

3 Gedanken zu „Gute Frage: Was ist das eigentlich die „Norm“ beim Thema Behinderung?“

  1. Sehr geehrter Herr Ziegert,

    so sehr ich Ihnen eigentlich zuzustimmen gewillt bin, fühle ich mich dennoch dazu veranlasst, auf ihre Frage, wofür der Begriff „Behinderung“ benötigt wird und warum er bislang eher gebräuchlich ist als die von Ihnen augezeigten Alternativen.

    Die offizielle (amtsdeutschen) Bezeichnung für „Behinderte“ ist ja „Menschen mit Behinderung“ oder zumindest „behinderte Menschen“. Diese zumindest weniger diskriminierenden Idiome haben sich jedoch nicht in der Alltagssprache durchsetzen können und werden das aller Voraussicht nach auch nicht tun. Das hat zunächst einmal gar nichts mit einer implizierten Wertung durch die Begriffe zu tun, sondern schlicht mit Sprachökonomie. Eine Sprache verändert sich ständig und m Regelfall nunmal hin zu einfacheren und kürzeren Begriffen. Dies sind eben die Nachteile der oben genannten Umschreibungen oder von Vorschlägen wie „körperlich beeinträchtigte Mitbürger“.

    Der Begriff „Behinderung“ hat außerdem den Vorteil, dass er – im Gegensatz zu „Vielfalt“ beispielsweise – auf eine erhöhte Hilfsbedürftigkeit in bestimmten Lebenssituationen hinweist. Und die hat durchaus positive Folgen: Erst durch ein Bewusstsein über diese Hilfsbedürftigkeit, die sich eben auch in der Bezeichnung niederschlägt, werden Hilfangebote geschaffen, beispielsweise der Minderleistungsausgleich für schwerbehinderte Arbeitnehmer, der diesen eine Teilhabe an der Arbeitswelt in vielen Fällen erst ermöglicht.

    Die Diskriminierung, die derzeit oft hinter dem Begriff „Behinderung“ steht, ist dabei zunächst einmal völlig unabhängig von der Buchstabenfolge. Wer eine abwertende Haltung gegenüber Menschen mit Behinderungen hat, wird diese nicht durch eine Bezeichnungsänderung ändern. Die absehbarste Folge einer solchen Umbennenung wäre eine neue (und vermutlich negative) Konnotation des Wortes „Vielfalt“. Die Integration von Menschen mit Behinderung scheitert meiner Meinung nach in den wenigsten Fällen an der Begrifflichkeit. Die Schranken in den Köpfen der Leute, die sich als nichtbehindert betrachten, sind nur in den wenigsten Fällen verbalisiert.

    Über eine Stellungname Ihrerseits zu meinen Gedanken würde ich mich sehr freuen, bis dahin verbleibe ich
    mit freundlichen Grüßen.

    1. Sehr geehrter Seneca,

      den Begriff „Vielfalt“ meinte ich nicht wörtlich als Ersatz für „Behinderung“.
      Sie haben völlig recht, was das Wort selbst angeht – wenn wir ein anderes verwenden, dann wird auch dies im Laufe der Zeit einen Beigeschmack bekommen, wenn die Gesellschaft sich nicht ändert. Ich habe neulich ein schönes Beispiel dafür gefunden, nämlich „Konkurrenz“. Vom Wortstamm her kommt es vom lateinischen concurrere = mitlaufen. Gemeint sind Sportler, die in der Arena im sportlichen Wettbewerb mitlaufen. Das ist eigentlich eine schöne Beschreibung (die natürlich längst vergessen ist). „Konkurrenz“ bekam aber im Laufe der Jahre einen Beigeschmack von Kampf und Streit – was an der gesellschaftlichen Entwicklung liegt nicht am Wort. Jetzt nennt man es „Wettbewerb“, was inhaltlich das gleiche ist, und fühlt sich scheinbar wohler – jedenfalls für eine Weile…

      Deshalb lohnt es nicht, über den Ersatz des Wortes „Behinderung“ nachzudenken, zumal das Wort inhaltlich gar nicht so falsch ist, wenn man es so versteht, dass man behindert wird, nicht behindert ist.

      Was ich mir aber eigentlich wünsche (auch wenn das vielleicht eine Utopie ist), dass wir Menschen nicht über ihre Fähigkeiten beurteilen, nicht kategorisieren oder gar abstufen, sondern sie einfach als Mensch akzeptieren und respektieren. Wenn wir offener auf Menschen zugingen und ihnen ihre Individualität nicht nur erlauben würden, sondern auch Andersartigkeit als positiven Aspekt sehen würden, ginge es unserer Gesellschaft besser. Wir würden uns weniger über Nationalitäten Gedanken machen, ohne sie zu ignorieren. Wir würden Religionen betrachten, ohne sie gleich zu verurteilen. Hautfarben wären uns völlig egal. Und Behinderungen wären uns auch völlig egal.

      In einem Nachbardorf gibt es eine große Wohngruppe von Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung (oder kognitiven Einschränkungen oder Lernschwierigkeiten wie auch immer man es benennen möchte). Schauen Sie mal, wie es dort an der Supermarktkasse zugeht. Die Kassiererinnen wissen, wie sie mit diesen Menschen umgehen, sie helfen beim Abzählen, in der Warteschlange dahinter geht es gesittet zu, und keiner muss sich über das Wort „Behinderung“ Gedanken machen.
      Noch schöner ist es in einem integrativen Lokal bei mir in der Nähe. Die Frau am Ausschank ist ein wenig eigen, häufig hektisch und aufgedreht, dabei lacht sie viel, manchmal zu viel. Ist sie eine von den „Behinderten“ oder nicht? An dieser Stelle ist die Frage schon wirklich amüsant – weil man weiß, dass die Antwort völlig uninteressant ist. Man wüsste nachher, zu welcher Kategorie die Frau gehört – aber würde das was ändern? Oder mehr noch: Sollte das was ändern? Natürlich nicht!

      So stelle ich mir das also vor: Dass man das Wort „Behinderung“ einfach vergisst.

      Eine Utopie gewiss, aber wir brauchen ja nun mal Ziele.

  2. Das ist ein spannendes Thema, das mich auch immer wieder beschäftigt. Schlussendlich ist es doch eigentlich die Frage, wie wir „Normal“ definieren, wie breit der Teil der Gaussschen Kurve ist, den wir noch als normal ansehen. Und da sind wir als Gesellschaft auf einem bemerkenswerten Kurs zu einem immer engeren Bild des Normalen.
    Ich habe das Gebrechen älter zu werden und tatsächlich nicht mehr so gut lesen zu können wie mit 20. Immer mehr Werbebroschüren und Hochglanzmagazine mit edel gestylter weisser Schrift auf schwarzem Grund kann ich nur noch mühsam lesen (wer will schon alle paar Monate eine neue Brille?) Tja, muss ich mich wohl damit abfinden nicht mehr zu dem Kreis derjenigen zu gehören, die normal sind, weil sie 25 sind und gesund, denn für die Normalen ist das Heft ja gemacht.
    Wir sortieren Behinderte in Behindertenwohnheime oft weit draussen vor der Stadt, Alte in Altenheime und Kinder in überdachte Spielwelten in Industriezentren, die Welt gehört den Autofahrern und den Normalen und alles, was anders ist, stört.
    Schade eigentlich, denn wir nehmen unserem Leben damit so viel von seiner Farbe.

    Am anderen Ende meiner Grossstadtstrasse ist eine Behindertenwerkstatt. Ein Mitarbeiter wird offenbar mit Botengängen betreut, oft trifft man ihn auf der Strasse und an der Strassenbahnhaltestelle. Er hat immer einen Grund einen anzusprechen, mal über das Wetter, mal über eine Verspätung, den schönen Hund, der vorbeigeht… Ich freue mich, wenn ich ihn sehe, er ermöglicht mir eine menschliche Begegnung in der Großstadtanonymität und bringt ein Lächeln in den Weg zur Strassenbahn.

    Ein farbiges Leben ist vielfältig – schade dass wir die Vielfalt aussperren.

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